Aus Kapitel 7: Realität und Wirklichkeit
Um die angestrebte ganzheitliche Sicht der Natur auf eine solide, unanfechtbare Basis zu stellen, bedarf es einer möglichst großen rationalen Strenge, die nur unter Berücksichtigung der wesentlichen Prinzipien der Wissenschaftstheorie zu erreichen ist. Wir müssen gewissermaßen das nachholen, was die gegenwärtige Naturwissenschaft in ihrem stürmischen Aufschwung vernachlässigt oder übersehen hat. Diese hat sich aus der dem Menschen über viele Jahrtausende eingeprägten Alltagserfahrung entwickelt, zunächst im Sinne eines naiven Realismus: Was ich sehe, ist so, wie ich es sehe, und was ich nicht sehe, gibt es nicht.
Es ist ja mein Hauptvorwurf, daß sie ihre Erfahrungen, die sie als klassische Naturwissen-schaft in dem – etwa von Millimetern bis Kilometern und von Sekunden bis Jahren – raumzeitlich eng begrenzten Alltagsbereich gewonnen hat, ohne die geringste Selbstkritik auf die unserer Erfahrung nicht zugänglichen fernen Bereiche der Mikro- und Makrowelt übertragen hat. Dieses Vorgehen hat sich zu einem alles Denken beherrschenden offiziellen Grundprinzip der Physik ausgewachsen, das man heute ganz offen und laut verkündet.
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Dieses Prinzip, das einfach als universell gültig vorausgesetzt wird, ist in meinen Augen eines der problematischsten Postulate der gesamten heutigen Naturwissenschaft, für das es nicht die geringste Rechtfertigung gibt!
Und diese unseriöse Einstellung hat sich offenbar bis heute gehalten, allen Erfahrungen zum Trotz, die man nun schon seit mehr als hundert Jahren mit der modernen Physik gemacht hat, wie in den Kapiteln 4 und 5 beschrieben. In diesem unkritischen Milieu hat sich eine ebenso unkritische Philosophie entwickelt, die, anstatt diese Wissenschaft zu hinterfragen, auf dieser aufbaut, indem sie deren Ergebnisse als unantastbare Tatsachen hinnimmt und ihre Aufgabe lediglich darin sieht, sie in irgendeiner Weise zu interpretieren.
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Um also, wie eingangs gesagt, unsere angestrebte ganzheitliche Sicht der Natur, nämlich das Kybernetische Konzept der Ganzheit, auf eine solide Basis zu stellen, müssen wir als erstes diese eingerosteten philosophischen Denkstrukturen aufbrechen und das gegenwärtige wissenschaftstheoretische Fundament hinterfragen.
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Realität und Wirklichkeit:
Als erstes müssen wir uns über die beiden Begriffe Realität und Wirklichkeit klar werden, die fast nie genau unterschieden werden. Umgangssprachlich besteht dafür auch kaum ein Grund, in unserem Fall ist jedoch eine genaue Unterscheidung notwendig, damit wir den Unterschied zwischen den beiden Denksystemen, dem konventionellen der heutigen Physik und dem hier vorzustellenden einer ganzheitlichen Kybernetik, deutlich herausarbeiten können.
Versteht man unter Realität das ontologische Ansichsein der Welt, abgesehen von jeder Erkenntnis und einem erkennenden Subjekt, wie dies in dem Kantschen Begriff Ding an sich zum Ausdruck kommt, so sei demgegenüber unter Wirklichkeit nur der in unserem Bewußtsein reflektierte Aspekt jener Realität verstanden, soweit er sich aus dem Wirken der Realität auf dieses ergibt und über Phänomene in Erscheinung tritt.
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Es erscheint mir als die Wurzel alles Übels mit seinen lebensbedrohenden Technikfolgen, daß man im heutigen naturwissenschaftlichen Denken offenbar nicht konsequent die beiden Ebenen von Realität und Wirklichkeit unterscheidet.
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Damit haben wir nun wieder den Anschluß an die eingangs gemachten Feststellungen zu Realität und Wirklichkeit gefunden und können im Hinblick auf den Vergleich mit der später darzustellenden alternativen Philosophie zusammenfassend zwei Prinzipien des heutigen naturwissenschaftlichen Denkens herausstellen, in denen das neue Denken wesentlich abweichen wird. Diese erscheinen uns zwar im konventionellen Denken so selbstverständlich, sind es aber durchaus nicht:
Man geht aus von der Formel „Erkenntnis ist Sein“, oder wenn wir die Aussage von Bohr ernst nehmen wollen, zumindest von der Formel „Erkenntnis entspricht Sein“. Wesentlich ist in beiden Fällen, daß die Erkenntnis auf das reale Sein abzielt, letztendlich auf das Kantsche „Ding an sich“. Eine solche Zielsetzung kann niemals auf Hypothesen verzichten, weil das Kantsche Ding immer die große Unbekannte bleibt. Darin liegt schon die ganze Realitätsproblematik.
Man ordnet jedem wahrgenommenen Ding objektive Eigenschaften zu in der Weise, daß sie ihm selbst zukommen, unabhängig vom Beobachter. Ich meine hier vor allem statische oder stationäre Eigenschaften, nicht so sehr dynamische, in welche die moderne Quantenphysik oftmals den Beobachter schon miteinbezieht. Man sagt etwa „die Blume ist rot“, oder man beschreibt die Struktur des Wasserstoffatoms so, als würde es als einzelnes Atom im Weltraum genau mit dieser Struktur real existieren.
In der Medizin sagt man z.B. „Arsen ist giftig“, während es aber in einer bestimmten Beziehung sehr heilsam sein kann (s. Kap. 17).
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Ich habe oben festgestellt, daß das, was man heute allgemein als Naturphilosophie versteht, nämlich eine den festgefahrenen Theorien der Physik nachträglich untergeschobene, also untergeordnete Philosophie, nicht geeignet sein kann, eine neue Basis für eine in sich konsistente Naturwissenschaft zu begründen. Eine solche unkritische Philosophie ist erkenntnistheoretisch steril, ist also gar keine eigentliche Philosophie!
Eine fruchtbare Philosophie muß einer konkreten Naturwissenschaft immer übergeordnet sein als eine Meta-Physik in der ursprünglichen (positiven) Bedeutung dieses Wortes! Die schon vorhandene Physik muß als integrierbarer Teil von ihr begriffen werden, nur so ist die Physik auch durch sie kontrollierbar.
Denn es ist prinzipiell unmöglich, aus dem Innern eines Systems über das ganze System zu urteilen. Auf dieses Prinzip habe ich schon öfter hingewiesen, zuletzt bei der Besprechung des Konturtestes im vorigen Kapitel, und wir werden immer wieder darauf stoßen, in Kapitel 8.2 werden wir es auch ganzheitlich begründen. Es ist das aus der Schichtung der Natur folgende universelle kybernetische Prinzip des Erkennens und des Handelns, das für alle physischen und geistigen Bereiche unseres Daseins, also auch für alle Wissenschaft Gültigkeit hat. Für den physischen Bereich hat schon vor über 2000 Jahren Archimedes darauf hingewiesen (s. „archimedischer Punkt“, Kap. 4.2), für den wissenschaftlichen Bereich verdanken wir die exakteste Formulierung dieses Prinzips dem Mathematiker Kurt Gödel, der es mit seinem berühmten Unvollständigkeitssatz von 1931 für formale Systeme bewiesen hat.
Aber wie finden wir eine solche Philosophie, die sich nicht im Innern der Physik bewegt, also wirklich einen äußeren Standpunkt bezieht, von dem sie jene überblicken kann? Meine Antwort erscheint auf den ersten Blick sicher recht paradox: Es muß eine Philosophie sein, die sich in ihren Erklärungsansprüchen gegenüber den Erwartungen der gegenwärtigen Physik ganz entscheidend einschränkt! Wir werden aber sehen, daß wir mit den hier vorzunehmenden Einschränkungen den Ballast abwerfen, an dem diese so sehr krankt. Diese Forderungen leiten nun über zur Entwicklung der hier darzustellenden alternativen Philosophie, die ich als pragmatische Ontologie bezeichnen werde.
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Pragmatische Ontologie:
Wir benötigen eine philosophische Beschreibung des Seins nur insoweit, als es über die für uns unmittelbar wahrnehmbaren Phänomene auf uns wirkt. Diese Philosophie nenne ich pragmatische Ontologie.
Ontologie ist die Lehre vom Sein unserer Welt, pragmatisch heißt auf Tatsachen bezogen, also auf das, was wir vom Wirken der Realität auf uns wahrnehmen (vgl. Abschn. 7.1). Pragmatische Ontologie ist demnach die Philosophie, die zwischen (ontischer) Realität und (pragmatischer) Wirklichkeit vermittelt.
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Der Unterschied zum bisherigen Denken soll aber doch schon hier deutlich werden, wie es sich in der nun anderen Formulierung der in Abschnitt 7.1 genannten zwei Prinzipien ausdrückt:
Es wird nicht erwartet, daß unsere Erkenntnis sich auf das absolute Sein (an sich) bezieht, sondern nur auf das, was hiervon als Wirkung auf unser Bewußtsein wahrgenommen werden kann. Über die Beziehung zwischen Sein und Wirken wird nichts ausgesagt. Unter dieser Beschränkung können wir auf Hypothesen verzichten, denn die Erfahrung, die nur von diesem Wirken herrührt, ist uns als solche gewiß.
Da wir nur von der Wirkung der Dinge sprechen, ordnen wir diesen keine Eigenschaften zu, die ihnen selbst zukommen, sondern betrachten alles nur als Phänomene der Wechselwirkung, über die wir uns intersubjektiv verständigen. Wir sagen nicht mehr „dieses Ding ist so“, sondern „dieses Ding wirkt (unter gewissen Umständen) so auf mich oder ein anderes Ding“.
Zwei besonders deutliche Beispiele dazu: Wir sagen nicht mehr „das Licht ist eine Welle und wird durch ein Feld übertragen, sondern wir beschränken uns auf die Beschreibung dessen, was das Licht, was immer das sei, in seiner Wechselwirkung mit anderen Dingen – Blenden, Prismen, Netzhaut usw. – und dem Bewußtsein des Beobachters bewirkt. Niemand hat ja bisher eine elektromagnetische Welle als solche jemals gesehen, sondern immer nur eine Wirkung auf einen Gegenstand (etwas Entgegenstehendes) festgestellt.
Und im Hinblick auf den Stoffwechsel eines lebenden Organismus sagen wir nicht mehr, der aufgenommene Stoff (Nahrung oder Gift) besitzt selbst die wahrgenommenen Eigenschaften, sondern der Organismus nimmt nur dessen Wirkung wahr, die je nach gegebenen Umständen weitestgehend verschieden ausfallen kann, bei ein und demselben Stoff von der Heilung bis zur Tötung!
Bezieht sich das erste Beispiel auf die bisher unverstandenen Probleme der Physik, so berühren wir mit dem zweiten einen der allerwundesten Punkte der heutigen Hochschul-medizin: In ihrer totalen Ausrichtung nach der Naturwissenschaft ordnet sie einmal dem Stoff als ganzem alle therapeutischen Eigenschaften selbst zu, aber nicht genug damit: darüber hinaus sucht sie dieselben sogar noch in jedem einzelnen Molekül desselben!
An dieser Stelle zeigt sich bereits deutlich, daß unsere gegenwärtige Hochschulmedizin auf diese Weise nie und nimmer die Prinzipien der Homöopathie verstehen wird, und noch schlimmer, wie in Teil V noch ausführlicher begründet wird, auch nicht einmal ihre eigenen therapeutischen Grundlagen!
Fassen wir nun die hier gemachten Feststellungen zum Unterschied zwischen dem alten und dem hier geforderten neuen Denken zusammen. Er besteht darin, daß wir nicht mehr isolierte Dinge betrachten, die für sich so sind, sondern daß wir alles im Zusammenhang eines höheren Ganzen verstehen, indem wir die funktionale Trennung zwischen einzelnen Objekten und schließlich zwischen wirkendem Objekt und wahrnehmendem Subjekt überwinden. Alles, was wir dann in unserer wirklichen Welt von Raum und Zeit über die Dinge aussagen können, betrifft nur die Phänomene, die durch die Wirkung auf unser Bewußtsein entstehen. Was die Dinge selbst sind, interessiert uns nicht mehr.
