Aus Kapitel 1: Zum Problembewußtsein
Wenn wir die Ganzheit der Natur
zu unserem Thema haben, ist jede Aufzählung sinnlos, wir würden nie
zu einem Ende kommen, und eine unvollständige Aufzählung würde uns
einem Verstehen der Natur keinen Schritt näher bringen. Damit sind
wir schon mitten in der Problematik unserer heutigen
Naturwissenschaft: Mit ihrem ordnenden Aufzählungsprinzip – es
ist, wie wir später sehen werden, die reduktionistische Methode
– ermöglicht sie uns zwar eine schrittweise zunehmende Erkenntnis
von Details der Natur und auch ihrer (kausalen) Zusammenhänge,
aber kein Verstehen ihrer Gründe, ihres Wesens.
Wollen wir die Ganzheit der Natur wirklich begreifen, so müssen wir
einen anderen Zugang zu ihr suchen.
Als erstes stehen wir aber vor der
Frage, ob und wofür wir ein Verständnis der Ganzheit überhaupt
benötigen, denn an rein akademischen Spielereien werden nicht viele
Menschen interessiert sein. Auf diese Frage muß ich eine äußerst
eindringliche Antwort geben: Wir benötigen dieses Verständnis zu
einem sinnvollen Umgang mit der Natur und damit, wenn wir die heutige
Situation der schon so weit fortgeschrittenen Zerstörung unserer
natürlichen Lebensbedingungen betrachten, buchstäblich zu unserem
eigenen Überleben! Einen dringen-deren Grund kann es wohl nicht
geben. Ich kann es schon hier auf den Punkt bringen:
Alle großen, bisher
nicht gelösten Probleme der Physik und
der ihr bedingungslos
folgenden Hochschulmedizin haben im wesentlichen
eine gemeinsame Wurzel:
die
Nichtbeachtung der ganzheitlichen Schichtung der Natur!
Unter Schichtung ist hier und in
allem Folgenden die hierarchisch organisierte vertikale
Struktur der Welt zu verstehen, inbezug auf den Menschen ganz grob
formuliert etwa die Folge „Elementarteilchen – Atome – Moleküle
– Zellen – Organe – Mensch – Familie – Staat – Ökosystem
Erde – Sonnensystem – Galaxie usw.“
Unsere Naturwissenschaft kennt das
Ganzheitsprinzip nicht, nach dem diese Schichtung organisiert
ist. Sie kennt zwar die verbale Formulierung „das Ganze ist mehr
als die Summe seiner Teile“, aber seine so unendlich tiefgreifende
Bedeutung kennt sie nicht, und noch weniger seine Konsequenzen.
Deshalb setzt sie sich darüber hinweg und behandelt alle Bereiche
der Natur, von den höchsten Ebenen der Galaxien bis zu den untersten
der Elementarteilchen, wie ein zufällig zusammengewürfeltes
Konglomerat ohne konsequent übergeordnete Strukturen. Sie behandelt
alle Dinge nach den immer gleich bleibenden Vorstellungen der in
unserer Alltagswelt erworbenen Kenntnisse der klassischen
Physik mit ihren sogenannten Naturgesetzen und
Naturkonstanten. Nur ein ganzes Arsenal von Hypothesen
ist noch dazugekommen, mit denen man die wohl erkannten
Schwierigkeiten einer solchen vereinfachten Sicht ausräumen will,
ohne jedoch ihre Hintergründe zu verstehen, und dementsprechend ohne
Erfolg.
Es ist das einzige große Thema unseres
ganzen Buches, dieser unauflösbaren Einheit von Natur und
Ganzheit in der Reflexion der menschlichen Erkennnis als
Natur-Wissenschaft und Ganzheits-Prinzip Rechnung zu tragen
und diese einheitliche Sicht der Entsprechung, die mit dem Beginn
unserer heutigen Naturwissenschaft in der Renaissance
verlorengegangen ist, wiederherzustellen.
Als ein erstes Kriterium für einen
Zugang zum Verständnis der Ganzheit der Natur bietet sich die Frage
an: Was ist Leben, wie ist Leben möglich? Hier stößt
unsere gegenwärtige offizielle Naturauffassung auf unerbittliche
Grenzen. Sie betrachtet unsere Erde und alles was an Gestirnen
darüber ist, als tote Materie, und nur mit einer solchen kann
ja unsere Physik als ihre Leitwissenschaft umgehen. In den
Newtonschen Gesetzen als Grundlage der Physik kommt Leben nicht vor,
und in allen weiter entwickelten physikalischen Gesetzen auch nicht.
Wie aber soll sich das Leben von Pflanzen, Tieren und Menschen
aus der toten Materie entwickelt haben?
Es geht also um die große Aufgabe,
diese Spaltung zu überwinden und die Einsicht in die Ganzheit der
Natur wieder in unsere Naturwissenschaft zurückzubringen. Wir
müssen dazu das Wesen der Ganzheit selbst begreifen, wie es sich in
dem bereits seit dem Altertum bekannten und von Aristoteles
formulierten Ganzheitsprinzip ausdrückt:
Das Ganze ist mehr
als die Summe seiner Teile.
Den Schlüssel zu seinem Verständnis
bildet das kleine Wörtchen „mehr“. Man könnte auch
sagen, der Ergründung dieses kleinen Wörtchens ist unser ganzes
Buch gewidmet!
Wir finden das Ganzheitsprinzip
ausnahmslos gültig in allen Dingen unserer Welt, seien es
Menschen, Tiere, Bäume, Flüsse, Häuser, Maschinen, Theorien,
Computerprogramme, Bücher oder Musikstücke. Wir sehen das Ganze und
sehen seine Teile, doch das „mehr“ sehen wir nicht, wir können
es in unserem konventionellen Denken nicht einmal konkret
beschreiben, wir können es nur denken. Wenn wir es aber
ergründen, werden wir sehen, daß wir damit wieder zum geistigen
Urgrund unserer Welt zurückgefunden haben, wie ihn unsere Vorväter
im Altertum kannten.
Doch mit diesem Unterfangen stoßen wir
auf schier unüberwindliche Schwierigkeiten. Die große Tragik
besteht darin, daß diese Schwierigkeiten nicht in der Sache selbst
bestehen, sondern darin, es den heutigen Menschen begreiflich zu
machen. Seit rund vierhundert Jahren hat sich unsere
Naturwissenschaft hoffnungslos festgefahren in einem
wissenschaftlichen Materialismus, der das Geistige als Urgrund
unserer Welt verleugnet. Das Geistige ist nicht mehr Gegenstand
der (Natur-)Wissenschaft, obwohl niemand bezweifelt, daß es
Grundlage ihres Denkens ist. Hier haben wir die
cartesianische Spaltung in ihrer unmittelbarsten, reinsten Form!
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Ein Mensch, der rundum zufrieden ist,
dem nichts abgeht, der also keine Probleme hat, wird keinen Drang
nach Veränderung, nach Neuem verspüren. Plenus venter non studet
libenter, sagen die Lateiner, übersetzt: Ein satter Bauch strebt
nicht gerne weiter. Und was für den einzelnen Menschen gilt, ist
ebenso aktuell für eine ganze menschliche Gesellschaft. Es ist
jedoch fatal, wenn man gefährliche Entwicklungen nicht sehen will,
wenn man den Kopf in den Sand steckt, weil das bequemer ist. Zu schön
ist es in der Tat, an die vielen Segnungen des wissenschaftlichen und
wirtschaftlichen Fortschritts zu glauben, an die vielen schönen
Versprechen, die man dazu immer wieder von den Vertretern der
wissenschaftlichen und politischen Obrigkeit erhält. Dieses
Nichtdenken nennt man positiv denken.
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Bedeutet also selber denken
negativ denken? Wenn man dabei nur ins Nörgeln gerät und sich im
Schimpfen verliert, sicherlich. Das ist jedoch nicht die Absicht
dieses Buches. Die im wahrsten Sinne heilsamen Konsequenzen, die sich
aus der eigenen Erarbeitung eines ganzheitlichen Konzeptes für
Naturwissenschaft und Medizin ergeben, möchte ich im höchsten Maße
positiv beurteilen!
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Von folgenschwerer Bedeutung ist der
raumzeitliche Rahmen, in dem sich unsere heutige Naturwissenschaft
und die ihr unterlegte – um nicht zu sagen: hörige – Philosophie
bewegen. Solange sich die Physik im Alltagsbereich abspielte, konnte
man sie mit gutem Recht als Erfahrungswissenschaft bezeichnen.
Die Gesetze von Kepler, Galilei und Newton wurden aus der direkten
menschlichen Erfahrung gewonnen, wobei sich aber schon bei Newton –
und das ist für alle spätere Geisteshaltung bezeichnend – die
ersten und später überaus folgenschweren Ansätze zu hypothetischem
Denken zeigten: die Erklärung physikalischer Zusammenhänge nicht
mehr aus der unmittelbaren Erfahrung allein, sondern über
Zuhilfename von Hypothesen, d.h. von Vermutungen.
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Hier hat sich das höchst
problematische Prinzip der Extrapolation eingebürgert, das
man ohne Bedenken auf alle Naturgesetze und Naturkonstanten anwendet:
In allen entferntesten Raum-Zeit-Bereichen werden ihre Formen bzw.
ihre Werte als unverändert gültig angenommen, von den
zwischen den Objekten außerdem noch waltenden nicht bekannten
Zusammenhängen ganz abgesehen. Diese Extrapolation ist durch nichts
zu rechtfertigen! Ich sehe darin die Kardinalsünde der ganzen
heutigen Naturwissenschaft schlechthin, aus der praktisch alle
großen Probleme hervorgehen. Es ist – in einer etwas anderen
Formulierung des schon am Anfang gemachten Vorwurfs der
Nichtbeachtung der Schichtung der Natur – die
Naivität der
Wissenschaftler, ihr Alltagsdenken auf die
ferne Makro- und
Mikrowelt zu übertragen.
In diesem unkritischen Alltagsdenken,
in dem sich das Weltbild der klassischen Physik einst entwickelt hat,
hat man es versäumt, sich mit den wissenschaftstheoretischen
Vorbedingungen der Anwendung dieser Wissenschaft
auseinanderzusetzen.
So entstand beispielsweise die Fiktion
von einem Anfang dieser Welt über einen Urknall, indem man
Naturgesetze und Naturkonstanten über Jahrmilliarden als unverändert
gültig annimmt und obendrein auch noch glaubt, daß sich alle
Materie des Weltalls im Zustand einer so unvorstellbaren Kompression
auf die Größe einer Stecknadelspitze in jenem Augenblick auch nach
eben jenen Gesetzen verhalten hätte. Ganz abgesehen von der Frage,
was eigentlich davor gewesen sein soll.
Dieses Beispiel mag man nun nicht
weiter ernst nehmen, denn es wird unser Leben hier und jetzt sicher
nicht beeinflussen.
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Alle früheren Züchtungen erfolgten
nämlich ausschließlich auf der natürlichen Alltagsebene:
Man kreuzte jeweils ganze Pflanzen und Tiere miteinander, wie
es in der Natur auch ohne den Menschen immer geschehen ist, und was
daraus wurde, blieb immer der Natur überlassen. Heute aber versucht
man derartige „Kreuzungen“ auf der Mikroebene des Genoms.
Damit zerstört man den Zellkern und damit die natürliche
Kompatibilität aller Lebewesen, wie sie von der Natur in
milliardenjähriger Entwickung für ihre jeweilige Funktion als
Nahrung und Nahrungsverwerter in feinster Abstimmung aufeinander
organisiert worden ist.
Man kann dieses Verhalten unserer
Wissenschaft von ihrem Ausgang her etwas begreifen, was sie aber in
ihrer Verantwortung natürlich nicht entlastet: Sie hat heute, ebenso
wie ich es gerade vorhin für die Physik festgestellt habe, noch
keinerlei Einblick in die fundamentale Bedeutung des
Ganzheitsprinzips und der durch dieses bedingten Schichtung
der Natur, deshalb macht sie inbezug auf die physikochemischen
Zusammenhänge auf den verschiedenen Stufen des Ganzen und seiner
Teile, so wie die Physik, keinen Unterschied und glaubt alles nach
den gleichen kausalen Prinzipien behandeln zu können, die sie auf
der obersten Ebene eines ganzen Gebildes unserer Alltagswelt
kennengelernt hat. – Hier zeigt sich die für unser Überleben so
notwendige Forderung nach der Einsicht in die Ganzheit der Natur, wie
ich sie zu Beginn dieser Einführung ausgesprochen habe!
Auf die vielen weiteren besonderen Probleme unserer Naturwissenschaft möchte ich hier nicht eingehen, das würde uns jetzt noch nicht weiterbringen. Soweit sie mir wichtig erscheinen, kommen sie im Innern des Buches zur Sprache.
