Aus Kapitel 22: Der Irrlauf des kapitalistischen Denkens
Da sich aber kein Kapital von alleine vermehren kann, wie etwa Bäume im Wald, sondern es dazu immer auf einen menschlichen Einsatz in irgendeiner Form angewiesen ist, letzten Endes auf den Menschen selbst, hat man zur Rechtfertigung des Zinsprinzips eine ganze Reihe verschiedenster Zinstheorien entwickelt, die insgesamt die großen Probleme eines Verständnisses seiner Gründe und damit auch die Unsicherheit der ethischen Lage widerspiegeln. Immerhin war das Zinsnehmen in allen Religionen die längste Zeit streng verboten.
Auf der Grundlage dieses Denkens von Zins und Zinseszins hat sich das allgemeine Zuwachs-denken in Industrie und Wirtschaft entwickelt, das heute ohne Ausnahme alle Vorstands-etagen und alle Politik beherrscht. Tagtäglich wird uns von Früh bis Abend von allen Medien eingehämmert, wie wichtig der ewige Zuwachs für unsere Gesellschaft sei, und man beschwört diesen Molloch, auf daß er ja nicht nachlasse, uns alle aufzufressen. Und diese Beschwörungen erreichen zu jedem Jahreswechsel in den Neujahrsansprachen der Politiker noch ganz besondere Höhen ...
Soweit man, da wir die Berechnungsgrundlagen der entsprechenden Statistiken ja nicht überprüfen können, überhaupt an die Meldungen von vorhandenem oder gar nur prognosti-ziertem Zuwachs glauben will, sollte man sich zumindest fragen, wen der Zuwachs eigentlich betrifft: Etwa auch die immer zahlreicher werdenden Arbeitslosen, die Obdachlosen, die Kranken und Behinderten, oder auch nur die Rentner, die ihr ganzes Leben brav gearbeitet und damit der „Wirtschaft“ (wer ist das?) den Zuwachs ermöglicht haben? Ich möchte sehr vermuten, daß alle diese „Randgruppen“, die heute immerhin bereits mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, in jene Statistiken nicht eingebunden sind!
Und man versteigt sich sogar noch zu der Behauptung, man bräuchte diesen ewigen Zuwachs zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit! Das Umgekehrte ist der Fall, man muß es nur in einem größeren sozialen Zusammenhang sehen: Für jeden neuen Arbeitsplatz gehen irgendwo anders mehrere Arbeitsplätze verloren! Hier zäumt man buchstäblich das Pferd am Schwanz auf: Der Zuwachs spielt sich nur in den Rängen derjenigen ab, die in den Wirtschaftsprozeß eingebunden sind, und auf dem Rücken derer, die dafür ihren Hut nehmen müssen oder bestenfalls zu ganz empfindlich unterbezahlten Arbeiten verurteilt werden.
.................................................
Ich sehe ein, daß für diese Zustände nicht alle Manager oder gar die Politiker verantwortlich sind. Es sind vielmehr die Grundprinzipien des Kapitalismus selbst, die längst ein golemhaftes Eigenleben entwickelt haben und heute gar nicht mehr abgestellt werden können, ohne unsere ganze Zivilisation zu erschüttern. Es sind die folgenden drei Grundpfeiler des kapitalistischen Zuwachsdenkens:
Geldentwertung (Inflation)
Qualitätsminderung von Produkten und Dienstleistungen
Ausbeutung von Natur und Menschen
Die Geldentwertung kann jeder am besten am Anstieg seiner eigenen Lebenshaltungskosten beurteilen, nicht an dem jedes Jahr offiziell bestimmten Inflationsindex, von dem wir, wie bei den oben erwähnten offiziellen Zuwachsraten, wieder nicht wissen, wie er berechnet wird.
Die Qualitätsminderung von Produkten betrifft durchaus nicht alle Güter. Die Qualität hat bei vielen Geräten aus technischen Branchen durchaus zugenommen, wenn auch hier die Inflation teilweise kräftig zugeschlagen hat, wie etwa bei den Autos. Doch bei vielen Produkten des täglichen Bedarfs hat die Qualität erschreckende Einbußen erfahren, an vorderster Stelle im Ernährungssektor: Hier sind die meisten in den Supermärkten angebotenen Nahrungsmittel dank den „Fortschritten“ der chemischen Industrie, insbesondere auch der Gentechnik, buchstäblich nicht mehr ohne Gefahren für die Gesundheit genießbar. Lebensmittel sind es schon lange nicht mehr.
.................................................
Im übrigen zeigt sich an den Nahrungsmitteln am deutlichsten auch der Zusammenhang mit den fragwürdigen Erscheinungen unserer materialistischen Naturwissenschaft. Man glaubt heute all das durch billige, erst wenige Jahrzehnte alte Technologien ersetzen zu können, was die Natur in milliardenjähriger Entwicklung von Organismen und Nahrungsmitteln in feinster Weise aufeinander abgestimmt hat. Hier sind wir also bereits wieder mitten im Problemkreis unseres kybernetischen Konzeptes, in diesem Falle des natürlichen Stoffwechsels, wie ich ihn in den Kapiteln 16.4 und 20.4 beschrieben habe; man beachte dort insbesondere die Bedingung der informativen Kompatibilität (Satz 16.5)!
Die Qualitätsminderung an Dienstleistungen zeigt sich am auffälligsten bei ehemaligen staatlichen Einrichtungen, die als ehemalige Non-profit-Unternehmen in dem Bemühen um einen sozialen Ausgleich über Steuergelder finanziert worden sind. Diese sind weitestgehend „privatisiert“ worden, d.h veräußert an die Privatwirtschaft. Sie werden also nicht mehr vom Staat unterhalten – doch die Steuern sind geblieben ...
Die neuen Eigentümer müssen – das ist das kapitalistische Prinzip – Gewinn erwirtschaften. Alles, was unter diesem heute noch allein geltenden Gesichtspunkt als nicht rentabel erscheint, wird gedrosselt oder ganz abgeschafft. Und so werden mehr und mehr Postämter geschlossen, Bahnhöfe und ganze Bahnstrecken stillgelegt und viele Krankenhausbetriebe empfindlich verkleinert, vor allem inbezug auf das Personal, oder ganz geschlossen. Die Krankenkassen schränken von Jahr zu Jahr ihre Vergütungen für Behandlungen und Medikamente ein, sie sind jetzt endlich an dem lange prophezeiten Zusammenbrechen! Wer kann diese ineffektive Medizin, wie ich sie in den vorangegangenen Kapiteln beschrieben habe, schließlich noch bezahlen? Jeder aufmerksame Beobachter wird weitere Entwicklungen dieser Art erkennen. Besser wird es nirgendwo.
Zum Thema Ausbeutung ist schon kaum noch viel zu sagen, zu sehr offenbaren sich hier die Mißstände. Über die Plünderung der Bodenschätze, an vorderster Stelle des Erdöls, die Rodung unvorstellbar großer Waldflächen, wird von vielen Organisationen wie etwa Greenpeace laufend berichtet. Was allein das für einen lebenden Organismus, als welchen wir unseren Planeten betrachten müssen, für sein kybernetisches Selbsterhaltungsprogramm bedeutet, das kann sich ein materialistischer Naturwissenschaftler überhaupt nicht vorstellen! Aber auch abseits einer solchen „vitalistischen“ Betrachtungsweise wird man diese Entwicklung als „ungesund“ empfinden.
Die Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft habe ich oben schon angesprochen. Dazu gehört auch die Zerstörung der menschlichen Existenz in Form der vielen Arbeitslosen, die innerhalb unserer Gesellschaft etwa das verkörpern, was inbezug auf den Landbau und die Bodenschätze die zerstörten Landschaften bedeuten. Schließlich gehört zur Ausbeutung des Menschen noch die unmoralischste „Technologie“, die sich überhaupt denken läßt, der Organ-Kanibalismus, das Ausschlachten „klinisch toter“ Menschen (was immer das bedeutet), um mit der Wiederverwendung der wie bei einem alten Auto ausgebauten Bestandteile die schrecklichen Fehler einer entarteten Hochschulmedizin zu kompensieren.
Wie auch immer man den Kapitalismus rechtfertigen mag, von diesen drei genannten Prinzipien ist eines so schlecht wie das andere, und ohne wenigstens eines davon geht es nicht.
Oder kennt jemand ein anderes, viertes Prinzip, das alle drei erübrigen würde und selbst ethisch positiv zu bewerten wäre? Ich habe nun schon viele Jahre darüber nachgedacht, aber keines gefunden, und jedem, den ich gefragt habe, ist es ebenso ergangen.
.................................................
Das ist das Stichwort: Wirtschaftlicher Aufschwung war schon immer mit Expansion verbunden. Im Kleinen war es die wirtschaftliche Ausweitung vom Handwerker zur Fabrik, über die Dorf- und Stadtgrenzen hinaus, im Großen waren es die Eroberungen von fremden Ländern. Wozu wurden Kriege geführt? So manche aus religiösen Gründen, aber die anderen? Nach den Kriegen kam der Handel, immer verbunden mit der Idee der Ausbeutung. Heute ist der größte Wirtschaftsmotor der Export. Wie beurteilen das die Länder, die unsere Waren importieren? Sicher kaum anders als wir, wenn wir mit fremden Waren zu Dumping-Bedingungen überschwemmt werden.
Wir können den Prozeß der wirtschaftlichen Expansion seit vielen Jahrhunderten verfolgen, wie er immer größere Ausmaße angenommen hat: vom Dorf zur Region, zum Land, zum Kontinent, zur ganzen Welt. Über die Expansion lassen sich wesentlich leichter, vor allem in größerem Ausmaß als innerhalb des eigenen Landes Gewinne auf Kosten von anderen erzielen. Was aber, wenn wegen der Endlichkeit unserer Erde keine echte weitere Expansion mehr möglich ist? Dann werden wir auf uns zurückgeworfen, und alles Zuwachsdenken erweist sich schließlich auch für jene, die es nicht schon vorher gesehen haben, als Schimäre!
Diese Schimäre hat einen Namen: Globalisierung! Solange sich diese weiter entwickelte, konnte jeder, der nicht sehen wollte, die Probleme verdrängen, denn es war tatsächlich, wie oben beschrieben, temporärer lokaler Zuwachs möglich. Umgekehrt betrachtet müssen wir damit einsehen, daß es sich hier tragischerweise um einen geradezu notwendigen Prozeß handelt, denn die Globalisierung ist eine notwendige Voraussetzung für den Erfolg des Zuwachsdenkens: Dieses hat also jenen Prozeß herausgefordert, und ihn zu beenden bedeutet den Verzicht auf das Zuwachsdenken ...
Wir befinden uns aber jetzt im Endstadium der Globalisierung, diese ist jetzt fast perfekt!
Eine weitere Globalisierung kann es nicht mehr geben, der Kampf von Wettbewerb und Ausbeutung fällt wieder zurück ins eigene Land. Die Folge werden wieder Kriege und Bürgerkriege sein, der Zerfall bürgerlicher und staatlicher Strukturen, wenn man diese Gefahr weiterhin nicht erkennen will. Daß sich mehr und mehr Menschen dagegen wehren, sollte man als die Symptome einer Krankheit auf der höheren Ebene der menschlichen Gesellschaft oder gar unseres ganzen Ökosystems Erde erkennen und sehr ernst nehmen!
Diese Krankheit entwickelt sich ganz im Sinne der Kybernetik und wird, wie es ihr Sinn ist, auch zur Heilung führen. Ob aber dieser Prozeß, wie bei einer individuellen Krankheit, ohne böse Schmerzen abläuft, und ob der Mensch, in seiner bisherigen Gesinnung als der größte Schädling dieser Welt, in seiner bisherigen Form überlebt, das hängt sehr von einer Änderung dieser Gesinnung, also von Vernunft und Einsicht seiner verantwortlichen wirtschaftlichen und politischen Führung ab.
–––––––––––––––––––––––––––––––––––
Eine aktuelle Zusatzbemerkung (Februar 2009): Die gegenwärtige weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise drückt genau diese hier skizzierte Entwicklung aus, auf die ich immerhin schon seit rund zwanzig Jahren hinweise: Mit der nunmehr perfekten Globalisierung befinden wir uns jetzt am Ende der Ära des Kapitalismus, ja überhaupt am Ende des Materialismus in Naturwissenschaft und Wirtschaft. Auf der Basis dieses gegenwärtigen wissenschaftlichen Weltbildes wird sich unsere Lebenswelt nicht mehr erholen! – Nur ein ganzheitliches Denken kann zu einer Erholung führen!
