Kapitel 6: Ganzheit und Schichtung
Unsere gegenwärtige Naturwissenschaft strebt nach einer totalen Erkenntnis der Natur, wie sie unabhängig vom Menschen existiert. Zugleich strebt sie danach, die Natur dem Menschen dienstbar zu machen über die Technik, also abhängig vom Menschen. Das ist ein Widerspruch! Denn dazwischen gähnt eine tiefe Kluft, die offenbar zwei verschiedene Welten trennt: die Welt der menschlichen Vorstellung und die der Realität an sich, des Kantschen „Dinges an sich“, das wir niemals wirklich erkennen können.
Wie kann man solche Welten zusammenbringen? Grundsätzlich gar nicht. Doch die heutige Naturwissenschaft meint, sie könnte es: Die Brücke sieht sie in Hypothesen. Aber Hypothesen haben „Nebenwirkungen“: Probleme, die man wieder mit immer neuen Hypothesen zu lösen versucht. Was ich damit meine, haben wir in Teil II gründlich erfahren. Und wohin wir mit dieser Geisteshaltung gekommen sind, sehen wir an unseren heutigen Überlebensproblemen in Medizin und Umwelt.
Dieser Wissenschaft gegenüber sehe ich es als unsere Aufgabe an, eine Sicht der Natur zu entwickeln, die uns in die Lage versetzt, mit der Natur in Einklang zu leben, wenn das möglich ist. Und es ist möglich! Wir dürfen uns jedoch nicht um Dinge (an sich) kümmern, zu denen wir keinen Zugang haben. Wir müssen das nur einsehen. Die Dinge aber, die uns zugänglich sind, das heißt über unsere Erfahrung, die benötigen zu ihrer Beschreibung keine Hypothesen. Nur dadurch kann unsere Wissenschaft und damit auch unser Leben sicher werden.
Wie ein solcher Weg möglich ist, das zeigt uns theoretisch unsere seit langem gut ausgereifte Wissenschaftstheorie, von der ich mehr halte als von aller Physik zusammen, praktisch zeigt es uns die relativ junge Disziplin der Kybernetik, die das Prinzip Erfahrung selbst verkörpert.
Hypothesenfrei heißt axiomatisch. Wir müssen unsere Wissenschaft auf der festen Grundlage von Axiomen aufbauen. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Ich meine nicht „Axiome“, wie sie nach dem Gutdünken der heutigen Physiker willkürlich definiert werden, die helfen uns nicht weiter, sondern ich meine Axiome im ursprünglichen Sinne von selbstevidenten ersten Sätzen, wie sie Aristoteles und später der französische Mathematiker Pascal definiert haben (s. Kap. 7.2). Gelingt uns das, dann haben wir gewonnen. Und ich werde im folgenden zeigen, daß es möglich ist!
Für unser Konzept müssen wir uns also zuerst die wissenschaftstheoretischen Grundlagen erarbeiten. Es ist ja das Verhängnis der heutigen Physik, daß sie sich um ihr eigenes wissenschaftstheoretisches Fundament nie gekümmert hat. Aus den damit entstandenen Fehlern können wir lernen. Erst auf einem solchen soliden Fundament können wir mit dem Bau eines in sich schlüssigen Systems einer ganzheitlichen Wissenschaft beginnen, die in gleicher Weise für Physik, Medizin und Ökologie bis hin zu einer einschlägigen Politik Gültigkeit hat.
Bevor ich mit den eigentlichen Vorarbeiten zur Entwicklung einer solchen ganzheitlichen Wissenschaft - ich nenne sie das Kybernetische Konzept der Ganzheit -beginne, finde ich es angebracht, in groben Zügen das fundamentale Prinzip vorzustellen, nach dem wir die Natur strukturiert verstehen können: das Ganzheitsprinzip, und das andere Prinzip, nach dem uns diese Strukturierung erscheint: die Schichtung der Natur. Über den Konturtest können wir das weitgehend experimentell verfolgen.
Zunächst: Was bedeutet Ganzheit? Man spricht seit vielen Jahrzehnten von Ganzheit in der Natur, in der Medizin und anderen Gebieten. Was versteht man darunter? Bisher ist man über kleinste Ansätze zu diesem Begriff nicht hinausgekommen. In der Medizin bedeutet das gegenüber dem früheren Verständnis, daß man nicht mehr einzelne Funktionsbereiche und Organe für sich alleine betrachtet, sondern möglichst viele Bereiche in der komplexen Vielfalt ihrer Wechselwirkungen, bis hin zum Einschluß seelischer Zusammenhänge. Das sind gewiß erste Schritte in der gewünschten Richtung. Den Weiterweg versperrt jedoch der alles beherrschende Materialismus. Bestenfalls läßt man Körper und Seele in dem seit Descartes festgeschriebenen Dualismus zusammenwirken, wobei man aber das Wesen dieser Wechselwirkung nicht versteht und diese Kluft nur nach dem oben skizzierten Muster mit entsprechenden Hypothesen zu überbrücken sucht. – Das ist nicht unser Weg. Ganzheit in der Natur bedeutet unendlich viel mehr!
Das Ganzheitsprinzip:
Wir können uns dem Ziel, die Ganzheit der Natur zu erkennen und zu bechreiben, am besten nähern, wenn wir das immerhin schon seit Aristoteles bekannte Struktur-Prinzip der Natur betrachten, das Ganzheitsprinzip:
Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
Was bedeutet das Wörtchen „mehr“? Um eine erste Vorstellung von einer Antwort zu bekommen, können wir irgendein ganz beliebiges Ding in der Natur oder auch in der Technik betrachten. Ohne eine einzige Ausnahme stellen wir fest, daß jedes Ding aus Teilen besteht, jeder Teil wieder aus untergeordneten Teilen, und so fort ad infinitum! Das bedeutet, daß wir zu einer solchen Aufspaltung niemals ein Ende finden. Hier spiegelt sich schon wieder der tückische infinite Regreß unserer materialistisch-reduktionistischen Wissenschaft wider – wenn man eben alle Schritte konkret materiell verfolgen will, bis man die Geduld verliert und diesen mit einer Hypothese beendet. Anders ist es in diesem Denken nicht möglich.
Wir interessieren uns aber nicht für diese konkreten Details, wir wollen das Prinzip verstehen, nach dem sich jeweils die Teile zu einem höheren Ganzen fügen. Von einer solchen Einsicht sind wir zwar im Augenblick noch weit entfernt, doch eines muß uns hier schon auffallen: Betrachten wir etwa ein Auto und stellen uns vor, wie dieses in der Fabrik hergestellt wird. An jeder Stelle im Fließband werden bestimmte Teile angeliefert, die in das Produkt einzubauen sind. Nimmt man alle Teile, wie sie sind, und wirft sie in einen großen Behälter, so ergibt das niemals ein Auto. Damit ein solches daraus wird, muß man die Teile erst nach einem bestimmten Plan zusammenbauen. Wo erscheint dieser Plan? Nicht im fertigen Auto und schon gar nicht in seinen Teilen! Jeder weiß, daß dieser Plan irgendwo ganz anders an einem Schreibtisch, im Kopf eines Ingenieurs entstanden ist. Der Arbeiter am Fließband oder ein entsprechender Automat erhält zu jedem einzelnen Schritt nur eine bestimmte Anweisung.
Was ist der Plan, was ist die Anweisung? Jeder weiß, daß es sich hier um das Ergebnis eines Denkprozeses handelt, also um ein geistiges Produkt. Was auf dem Papier oder Bildschirm geschrieben oder gezeichnet ist, ist aber weder dieses geistige Produkt selbst, noch das fertige materielle Produkt, sondern nur sein Bild. Der surrealistische belgische Maler René Magritte hat dieses philosophische Problem dargestellt mit seinem berühmten Bild von der Pfeife, das die Inschrift trägt: „Ceci n´est pas une pipe“ (Das ist keine Pfeife).
Der Konturtest:
Viel weiter kommen wir im Augenblick mit dem Verständnis des Geistigen, das allen unseren Handlungen, wie überhaupt allen Dingen dieser Welt, zugrunde liegt, noch nicht. Ein kleiner Schritt ist aber doch schon an dieser Stelle möglich, und dieser ist als eine geistige Vorübung sogar von ganz besonderer Bedeutung für die weiteren Überlegungen, ich nenne es den Konturtest:
Betrachten wir irgendein Ding der Natur und versuchen in sein Inneres zu schauen, indem wir erst ein Vergrößerungsglas verwenden, dann ein Mikroskop, das man auf immer stärkere Vergrößerung einstellen kann, bis man die Ebene eines Elektronenmikroskops erreicht, und gedanklich noch weiter ad infinitum (wie es der Reduktionist tut), und nehmen wir als Beispiel ein Pflanzenblatt, etwa ein Fliederblatt:
Als erstes betrachte man die Kontur des Blattes mit freiem Auge: Sie verläuft glatt geschwungen in einer zusammenhängenden Linie. Man denke aber daran, daß dieses Blatt aus lauter Zellen besteht.
Bei entsprechender Vergrößerung wird man also finden, daß die zuvor glatte Kurve als Umhüllende der Randzellen Einschnitte hat, wo die Zellen aneinandergrenzen. Die Kontur ist deshalb gar nicht mehr so glatt, und wir sehen nun eigentlich die Konturen der am Rand des Blattes befindlichen Zellen. Wird der Rand nicht von regulären Zellen gebildet, sondern von irgendwie anders angeordneten Molekülgruppen, so ändert das, wie wir gleich sehen werden, nichts am Prinzip unserer Überlegungen.
Man denke nun daran, daß jede dieser Zellen selbst umrandet ist von den Makromolekülen ihrer Membran (das Zellinnere spielt hier keine Rolle). Bei entsprechend stärkerer Vergrößerung erkennt man, daß die zuvor noch wahrgenommene Kontur von ganzen Zellen verschwunden ist. Man sieht nur noch die Konturen von Makromolekülen (der Zellmembran), und diese sind nun schon so zerklüftet – es erscheinen ja immer mehr leere Zwischenräume –, daß sich der gewohnte räumliche Konturbegriff zu verlieren beginnt. Von einer Zellkontur ist nichts mehr zu sehen, und von einer Blattkontur haben wir gar keine Ahnung mehr. Dieser Ausschnitt könnte also auch schon aus etwas völlig anderem stammen.
Man kann nun sicher schon sehen, worauf ich hinaus will: Als nächste Vergrößerung kommt die Einstellung auf die einzelnen Moleküle, dann auf die Atome und Elektronen, und weiter bis zu den Elementarteilchen. Und nicht nur die Kontur in ihrer statischen Erscheinung hat sich längst verloren, sondern wir können überhaupt nichts Festes mehr ausmachen, alles ist in heilloser Bewegung. Und ich möchte behaupten, daß wir bei den (materiellen) Elementar-teilchen mit unserer Vergrößerungsprozedur noch lange nicht am Ende sind!
Was ist nun schließlich aus der ursprünglich so realistischen glatten Kontur unseres Blattes geworden? Nichts als ein Wirrwarr von elektromagnetischen Wechselwirkungen auf der Ebene der Moleküle, von Kernkräften oder Feldern (wovon?) auf der subatomaren Ebene! – Wo ist unser schönes Blatt geblieben?
Hier kann man übrigens auch eine gute Vorstellung vom Prinzip der Fernwirkung bekommen, denn man sieht recht unmittelbar, wie sich mit der fortschreitenden Vergrößerung die Vorstellung der Nahwirkung über Stoß und Druck in nichts auflöst. Bei dem in Kapitel 5.3 angeführten Beispiel der Billardkugeln handelt es sich ja ebenso um einen Ausdruck des Ganzheitsprinzips (Schichtung, s. unten).
Es ist doch seltsam: Gehen wir unseren mikroskopischen Weg wieder zurück zum Ausgang, so erscheinen alle früheren Konturen wieder, bis wir wieder das ganze Blatt mit seinem glatten Rand vor uns haben. Wie ist das möglich, woher kommen diese Informationen wieder? Der „normale“ Wissenschaftler wundert sich nicht, für ihn ist das selbstverständlich. Aber ist das denn wirklich so selbst-verständlich? Ist es nicht eher nur die lange eingeübte Gewohnheit, daß wir uns darüber nicht mehr wundern?
Wir sollten darüber nachdenken, wie es möglich ist, etwas als ein bestimmtes Ding wahrzu-nehmen, nämlich zu erkennen. Wir werden später (Kap. 8.2 ff) sehen, daß für die bewußte Wahrnehmung eine Reihe bestimmter Regeln und Bedingungen gelten. Hier können wir aber zunächst schon die eine erkennen: Wahrnehmen kann man etwas nur, wenn man einen Überblick hat über das, was die Kontur ausmacht, das bedeutet, daß man jedes Ding nur von außen wahrnimmt: Befindet man sich im Innern des Blattes, dann sieht man es nicht. Befindet man sich im Innern einer Zelle, dann sieht man sie nicht. Befindet man sich im Innern eines Hauses, dann sieht man es nicht. Und schließlich: Befindet man sich im Innern eines Waldes, dann sieht man ihn (vor lauter Bäumen, wie schon das Sprichwort sagt) nicht. Wir dürfen uns dabei nicht täuschen lassen von unserem Bewußtsein, unserer Erinnerung: Im Innern eines Gebildes wissen wir nur, wo wir uns befinden, aber sehen können wir das (ganze) Gebilde nicht.
Eigentlich sind die hier beschriebenen Überlegungen recht einfach, aber sobald man wieder seinem Alltagsleben nachgeht, denkt man nicht mehr daran. Wer denkt denn etwa in dem Augenblick, wo er beim Spazierengehen mit dem Fuß an einen Stein stößt und vielleicht einen Schmerz verspürt, daran, daß sich hier nur die Konturen von Fuß und Stein recht nahe gekommen sind und daß der empfundene Schmerz nur aus geistiger Information besteht?
Deshalb möchte ich wegen der ganz fundamentalen Bedeutung dieser Dinge für das Verständnis des Konzeptes der Ganzheit den Leser bitten, dieses Gedankenexperiment immer und immer wieder meditierend zu wiederholen. Nur dann wird er sich erst wirklich des großen Geheimnisses bewußt, das in diesen scheinbar so selbstverständlichen Dingen verborgen ist.
Die Schichtung der Natur:
Mit dem Konturtest haben wir dem fundamentalen Erscheinungs-Prinzip der Natur nachgespürt, das wir als Ausdruck des für alle Dinge dieser Welt ohne Ausnahme gültigen Ganzheitsprinzips betrachten müssen. Je nach betrachtetem Gegenstand äußert es sich konkret in etwas anderen Einzelheiten. Es ist die Schichtung der Natur:
Auf den Menschen bezogen können wir diese, vom höchsten Ganzen bis zu den untersten Teilen hinunter betrachtet, in groben Zügen etwa so formlieren:
... Universum – Galaxie – Sonnensystem – Erde – Ökosystem – Mensch – Organ – Gewebe – Zelle – Zellorganelle – Molekül – Atom – Elementarteilchen ...
Zum jetzigen Zeitpunkt muß ich mich auf diese erste kurze Andeutung der Schichtung beschränken. Eine eingehendere Beschreibung derselben ist erst nach der Darstellung des kybernetischen Konzeptes der Ganzheit möglich (s. Kap. 8.3). Ich habe dieses Prinzip nur deshalb bereits hier erwähnt, weil ich es besonders wichtig finde, schon hier die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, zumal ja auch der Konturtest dieses Prinzip offenlegt. In Kapitel 8 werden wir überdies auch einsehen, daß dies alles „nur“ eine Schichtung von geistiger Information ist. Und genau diese Informationen haben wir auf den verschiedenen Stufen des Konturtests wahrgenommen.
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Anmerkung: Von der eigentlichen Darstellung des kybernetischen Prinzips der Ganzheit (Kap. 8) können hier keine Auszüge gebracht werden, weil diese den vollen Text des Buches benötigt, um verständlich zu werden.
