Aus Kapitel 23: Fortschritt und technologischer Zirkel
Die menschliche Arbeit wird leichter werden und letztlich nur noch eine intellektuelle Arbeit sein.
Statt körperlichen Einsatz zu leisten, leiten wir lediglich die Arbeit der eisernen Arbeiter.
Mit eingesparter Arbeitszeit steigt die Effizienz der Arbeit, wobei das Leben des Menschen sich immer genußreicher gestalten wird.
Mit steigenden Ernährungsmöglichkeiten wird auch die Zahl der Menschen anwachsen; ihre Zahl wird völlig unabhängig sein von der natürlichen Ertrags-fähigkeit, wenn erst die Chemie im Bunde mit der Elektrotechnik die Nahrungsmittel künstlich herstellt.
Der Mensch wird den Überschuß an Zeit zu seiner geistigen Ausbildung verwenden und seine Lebensgenüsse stetig steigern.
Die medizinische und hygienische Basis des Volkes wird zur gesünderen Entwicklung der künftigen Menschengeschlechter an Körper und Geist führen.
Die mechanischen Erzeugnisse tragen Kunst und Wissenschaft bis in die kleinste Hütte, um auch dort das Leben zu verschönern und die Gesittung zu heben.
Das Licht der Wissenschaft wird unerbittlich jede Form von Aberglauben und Fanatismus tilgen. Und so können wir [...] den Aufbau des Zeitalters der Naturwissenschaften ruhig weitertreiben, in der sicheren Zuversicht, daß es die Menschheit moralischen und materiellen Zuständen zuführen werde, die besser sind als sie je waren und heute noch sind. . . .
Zu jener Zeit konnte man sicher annehmen, daß diese Äußerungen ehrlich gemeint waren. Heute kann man sie nur noch als einen Ausdruck jener allgemeinen Euphorie – um nicht zu sagen: Hysterie – über die buchstäblich himmelstürmenden Fortschritte der Naturwissenschaft deuten, wie wir sie auch bei den Physikern jener Zeit und insbesondere bei den Medizinern gesehen haben.
Aber aus dem Munde eines heutigen Menschen könnte man solche Aussagen nur noch als blanken Hohn empfinden: Von allen Prophezeiungen ist buchstäblich das Gegenteil eingetreten, jeder einzelne dieser Sätze verhöhnt die heutige Situation!
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Es ist schon fast überflüssig, die Frage zu stellen, wie nur dieses wunderschöne Siemenssche Programm so vollkommen schiefgehen konnte. Aus keinem dieser Sätze selbst ist das zu erkennen. Doch Schipperges weist schon auf zwei dafür entscheidende Gedanken dieses Programmes hin, die gerade heute alle führenden Köpfe dieser Wissenschaft mehr denn je beherrschen, die wir aber nach den Aussagen unseres kybernetischen Konzeptes auf das allerschärfste verurteilen müssen:
Die Forderung nach einem schnellen Umschlag der Wissenschaft über die Technik in die Praxis.
Die Vorstellung, daß das wissenschaftliche Zeitalter in seinem weiteren Fortschreiten die Wunden, die es schlug, auch wieder heilen werde.
Diese Überlegungen führen zu dem für Mensch und Natur geradezu vernichtenden Teufels-kreis des technologischen Zirkels:
- Die Wissenschaft gewinnt aus der Natur hypothesenbeladene
Naturgesetze und Theorien, welche die Welt materiell-energetisch
beschreiben. Diese Theorien sind prinzipiell unvollständig, weil sie
von der vertikalen Wirklichkeit nur beschränkte laterale Bilder
erfassen (s. Kap. 11, Pkt. 2).
Die Technik wendet diese beschränkten Theorien wieder zurück auf die unbeschränkte Wirklichkeit an. Das aber ist im Gegensatz zu obigem ein realer Eingriff in die Natur, und als solcher führt er über die laterale Ebene der Bilder hinaus in die unbekannte vertikale Wirklichkeit und stört den prinzipiell nicht erkennbaren vertikalen
Zusammenhang.Hierbei erfolgt ein problematischer Sprung von der epistemischen (erkennt-nistheoretischen) Ebene der Wissenschaft zur ontischen (real existierenden) Ebene der Natur. Die Schäden in der Natur und „Nebenwirkungen“ in der Medizin sind die Folgen.
- Die Vorstellung, die durch die Technik gemäß a erzeugten
Schäden in der Natur durch eine Wiederholung eben jener Prozedur a,
wenn auch auf einer höheren Ebene des „Fortschritts“, zu
beheben, führt zwangsläufig zu einer Vergrößerung der Schäden.
Unbeschränkte Wiederholungen führen schließlich zur völligen
Zerstörung unserer Lebensbedingungen.
- Einer kurzfristigen Verbesserung der Lage folgt unausweichlich eine langfristige Verschlechterung: Die Hypothesen der Wissenschaft von heute sind die Hypotheken auf das Leben von morgen!
Der hier aufgezeigte Zusammenhang des technologischen Zirkels zeigt uns an den vielen Beispielen der Zerstörungen in der Natur und in der menschlichen Gesellschaft unübersehbar die tödliche Gefahr dieses Denkens. Er verlangt unerbittlich den Verzicht auf das bisherige Fortschrittsdenken, wenn wir überleben wollen. Die immer häufigeren und immer brutaleren Verlagerungen großer bis größter Produktionseinrichtungen in die letzten noch „unterent-wickelten“ Regionen von Osteuropa oder Übersee stoßen uns buchstäblich mit der Nase darauf:
Wir sind am Ende des eigentlichen Industriezeitalters!
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Das Vorgehen gemäß dem technologischen Zirkel bedeutet de facto einen naiven Realismus, wie er der primitiven vorwissenschaftlichen Zeit entspricht. Allein durch die Tat, die Anwendung der Theorien auf die Natur, werden die Bilder mit der Wirklichkeit gleichgesetzt.
Im Prinzip ist allerdings gar kein anderes Verhalten möglich, als irgendwelche Vorstellungen auf die Natur anzuwenden, denn das ist ja das kybernetische Prinzip des Lebens überhaupt. Jegliches Handeln ist letztlich ein Eingriff in die Natur. Also müssen wir unsere besondere Aufmerksamkeit den Vorstellungen zuwenden. Als erstes müssen wir das bedenken: Der asymptotische Realismus erhält seine verhängnisvolle negative Bedeutung dadurch, daß sich die gegenwärtige Naturwissenschaft an der Realität des „Kantschen Dinges an sich“ orientiert, die niemals erreichbar ist.
Orientieren wir uns aber gemäß unserer pragmatischen Ontologie an der erfahrbaren Wirklichkeit, so dürfen wir uns einem so verstandenen pragmatischen Realismus getrost hingeben, denn die erfahrbare Wirklichkeit ist auch erreichbar.
Auf der Basis dieses Denkens lassen sich so manche der in den vorangegangenen Kapiteln für die Medizin gewonnenen Erkenntnisse wegen der Schichtungsinvarianz des ganzheitlichen Denkens (s. Kap. 10) auf die höheren Daseinsebenen von Gesellschaft und Ökosystem übertragen. Das Stichwort hierfür liefert der Stoffwechsel. Es ist uns damit die Aufgabe gestellt, in unseren Problemen mit der Natur jene Zusammenhänge zu erkennen, in denen dieser auf den höheren Schichtungsebenen unserer Welt ganzheitlich behandelt werden kann.
In Bezug auf den unvermeidbaren großen Rest des reduktionistischen Denkens unserer gegenwärtigen Wissenschaft und Technik bleibt uns hingegen angesichts der schon verursachten großen Schäden in der Natur nur noch die Forderung nach einer äußersten Beschränkung!
